30 %
Wer mindestens 30 Prozent der Anteile an einem Unternehmen kontrolliert, gilt im Aktienrecht als so einflussreich, dass er oder sie faktisch großen Einfluss auf die Entscheidungen des Unternehmens nehmen kann. Deshalb schreibt das Gesetz normalerweise vor: Ab dieser Schwelle muss allen anderen Aktionär*innen ein offizielles Übernahmeangebot gemacht werden. So sollen insbesondere kleinere Aktionär*innen geschützt werden. Sie bekommen dadurch die Möglichkeit, ihre Aktien zu fairen Bedingungen zu verkaufen, wenn sich die Kontrolle über das Unternehmen verändert.
Genau diese Schwelle versucht die UniCredit nach Einschätzung vieler Beobachter*innen möglichst günstig zu umgehen. Kritisiert wird vor allem, dass die Bank ihren Einfluss nicht nur über direkt gekaufte Aktien ausbaut, sondern auch über komplizierte Finanzinstrumente wie Derivate. Deshalb steht nun die Frage im Raum, ob hier zwar formal Regeln eingehalten werden, aber nicht ihr eigentlicher Sinn: nämlich Transparenz zu schaffen und Minderheitsaktionär*innen fair zu behandeln.
Die Übernahmepläne der italienischen Großbank UniCredit für die Commerzbank spitzen sich weiter zu. Während der Ampel-Regierung hatte die Bundesregierung mit dem Teilverkauf ihrer Beteiligung den Weg für einen strategischen Einstieg der UniCredit freigemacht. Inzwischen kontrolliert die UniCredit wirtschaftlich bereits über 40 Prozent der Commerzbank – neben direkt gehaltenen Aktien auch über Derivate und Total Return Swaps. Nun hat die UniCredit den Commerzbank-Aktionär*innen ein offizielles Übernahmeangebot vorgelegt.
Das Problem: Das Angebot gilt am Markt weithin als unattraktiv und liegt rechnerisch teilweise sogar unter dem aktuellen Börsenwert der Commerzbank-Aktie. Viel spricht dafür, dass das Angebot derzeit vor allem darauf ausgerichtet ist, ein deutlich teureres Pflichtangebot beim Überschreiten der 30-Prozent-Schwelle zu vermeiden.
Die Commerzbank ist wichtig für unsere Wirtschaft
Die Commerzbank ist für die deutsche Wirtschaft strategisch wichtig, besonders für den Mittelstand, den Außenhandel und den Finanzplatz Frankfurt.
Die Commerzbank versteht das exportorientierte deutsche Geschäftsmodell wie kaum eine andere Bank. Gerade viele mittelständische „Hidden Champions“ sind international tätig, aber für große internationale Großbanken häufig kein strategischer Schwerpunkt. Die Commerzbank begleitet diese Unternehmen seit Jahren mit ihren internationalen Niederlassungen bei Auslandsgeschäften, Exportfinanzierung und der Absicherung von Handelsrisiken.
Die Commerzbank ist ein wichtiger Bestandteil des Finanzplatzes Frankfurt. Die Stärke eines Finanzplatzes hängt nicht nur von Regulierung und Aufsicht ab, sondern auch davon, dass zentrale Geschäftsbereiche, Entscheidungen und hochqualifizierte Arbeitsplätze tatsächlich vor Ort angesiedelt bleiben.
Welche Rolle soll die Commerzbank in Zukunft spielen?
Aus der aktuellen Position der Commerzbank folgt eine Verantwortung für die Zukunft:
Die UniCredit muss nun eine überzeugende und belastbare Strategie für die Zukunft der Commerzbank vorlegen, damit ernsthafte Verhandlungen möglich sind. Dabei geht es nicht nur um Synergieversprechen oder Renditeziele, sondern auch um die Frage, welche Rolle die Commerzbank künftig für den deutschen Mittelstand im Ausland, den Wettbewerb im Bankenmarkt und den Finanzplatz Frankfurt spielen soll.
Die Strategie der UniCredit, die Commerzbank perspektivisch eng mit der HVB zu integrieren und das Kerngeschäft im Ausland zu reduzieren, wirft erhebliche Fragen auf. Denn bislang bleibt offen, ob daraus tatsächlich eine starke paneuropäische Bank entsteht – oder vor allem eine weitere Konzentration im deutschen Bankenmarkt.
Größe allein schafft noch keine Stabilität
Wir brauchen einen starken europäischen Bankenmarkt. Aber europäische Champions dürfen kein Selbstzweck sein. Entscheidend ist, ob ein Zusammenschluss Beschäftigten, Kund*innen und insbesondere mittelständischen Unternehmen wirklich nutzt – und nicht am Ende nur Risiken konzentriert und Wettbewerb schwächt.
Die internationale Wettbewerbsfähigkeit europäischer Banken entsteht außerdem nicht allein durch Größe oder immer neue Fusionen. Die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte zeigen, dass der Versuch europäischer Banken, im globalen Investmentbanking mit US-Großbanken gleichzuziehen, nur begrenzt erfolgreich war.
Die Finanzkrise 2008 hat gezeigt, welche Risiken entstehen können, wenn einzelne Banken so groß und eng vernetzt sind, dass ihr Ausfall das gesamte Finanzsystem gefährden würde. Seitdem wurden die Bankenregeln in Europa deutlich verschärft. Trotzdem kann die Frage gestellt werden, wie viel Konzentration im Bankenmarkt sinnvoll ist – und ob immer größere Institute tatsächlich für mehr Stabilität sorgen.
Ein nachhaltiger Finanzmarkt braucht Vielfalt und Transparenz
Ein stärker integrierter europäischer Bankenmarkt ist grundsätzlich richtig. Grenzüberschreitende Fusionen können dazu beitragen, europäische Banken wettbewerbsfähiger und stabiler zu machen. Dafür müssen die Banken- und Kapitalmarktunion in Europa aber auch konsequent weiterentwickelt werden.
Kritisch zu sehen ist allerdings die aggressive Übernahmetaktik der UniCredit. Gerade bei einer systemrelevanten Bank braucht es Transparenz, Vertrauen und eine nachvollziehbare Strategie statt öffentlichen Drucks und taktischer Manöver.
Denn für einen starken europäischen Finanzmarkt reicht Größe allein nicht aus. Entscheidend ist auch, ob Wettbewerb erhalten bleibt, langfristige Investitionen ermöglicht werden und Beschäftigte sowie Kund*innen am Ende tatsächlich profitieren.
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