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Das ist die gerundete Zahl an Wochenstunden, die Frauen 2022 im Schnitt gearbeitet haben. 16 Stunden Erwerbsarbeit, fast 30 Stunden unbezahlte Care-Arbeit¹. Mit diesen Zahlen im Hintergrund stellt sich unser Kanzler hin und erklärt, dass wir uns die 4-Tage Woche und Work-Life-Balance nicht leisten können. Die Teilzeitquote sei zu hoch.
Diese Teilzeitdebatte ist scheinheilig. Frauen – vor allem Mütter – sollen mehr in Vollzeit arbeiten, um die Wirtschaft anzukurbeln. Mehr Kitas, mehr Vollzeit, mehr Wachstum – fertig. So einfach soll es gehen. Doch diese Rechnung geht an der Lebensrealität vieler Familien vorbei.
Heute fehlen in Deutschland weiterhin hunderttausende Kitaplätze. Gleichzeitig erreicht nur ein sehr kleiner Teil der Kitas die empfohlene Personalausstattung. In der überwältigenden Mehrheit fehlt Personal – in manchen Regionen faktisch flächendeckend.
Aber auch wenn all diese Aufgaben schon morgen gelöst wären, selbst wenn es genug Plätze, genug Personal und perfekte Betreuungsschlüssel gäbe: Es ist eine Illusion zu glauben, dass dann Millionen Mütter ihre Teilzeit beenden und geschlossen in Vollzeit zurückkehren würden.
Warum also reicht der Verweis auf die Kitas nicht aus? Die Probleme liegen weit tiefer. Kitas sind unverzichtbar für Bildung und Vereinbarkeit – aber sie allein lösen keine strukturelle Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt.
Mütter stoßen auf dem Arbeitsmarkt auf systematische Hürden. Sie müssen häufiger Bewerbungen schreiben, um überhaupt berücksichtigt zu werden. Ihnen wird geringere Verfügbarkeit unterstellt, weniger Belastbarkeit, geringere Loyalität. Und selbst Frauen, die früh aus der Elternzeit zurückkehren wollen, gelten nicht selten als schwierig oder unangemessen ambitioniert.
Das ist strukturelle Realität. Und keine Einzelfälle.
Und selbst dort, wo Betreuung gesichert ist und Arbeitgeber Flexibilität zeigen, bleibt die zentrale Schieflage bestehen: Die unbezahlte Arbeit verschwindet nicht.
Unabhängig davon, ob Frauen ihre Stunden reduzieren oder aufstocken, tragen sie weiterhin den größten Teil der Sorgearbeit. Sie halten den Alltag zusammen, übernehmen Organisation, emotionale Verantwortung, Haushalt und Pflege. Und diese Arbeit kennt keinen Feierabend. Kinderbetreuung kann Zeitfenster öffnen. Sie ersetzt aber keine Alltagsorganisation. Und sie garantiert nicht automatisch, dass Frauen entlastet werden, wenn sie mehr Erwerbsarbeit leisten.
Ganz im Gegenteil: Untersuchungen zeigen, dass Frauen, die ihre Arbeitszeit erhöhen oder Führungsrollen übernehmen, oft eine doppelte Belastung erleben – mehr Erwerbsarbeit, ohne dass sich die Verteilung der Sorgearbeit entsprechend verschiebt.
Ohne Ehrlichkeit über Strukturen bleibt die Forderung nach mehr Arbeit von Frauen reine Symbolpolitik.
Die klassische Vollzeit ist kein Naturgesetz. Sie basiert auf einem Modell aus einer anderen Zeit. Hier 40 Stunden bezahlte Arbeit, dort unbezahlte Verantwortung. Dieses Modell trägt unsere Gesellschaft längst nicht mehr – prägt aber weiterhin unsere Arbeitswelt. Deshalb brauchen wir eine Abkehr von starrer Vollzeit und flexible Arbeitszeitkorridore, die sich an Lebensrealitäten orientieren – nicht an überholten Rollenbildern.
Wohlstand ist mehr als die Summe bezahlter Arbeitsstunden. Er entsteht vor allem, wenn Sorgearbeit zuverlässig funktioniert, wenn Angehörige gepflegt, Kinder betreut, und Alltage organisiert werden. Eine Politik, die Vollzeit zur alleinigen Grundlage von Wohlstand erklärt, blendet diese Realität aus und greift zu kurz.
Wenn Frauen mehr Stunden erwerbstätig sein sollen, dann müssen wir über Verantwortung sprechen. Sorgearbeit lässt sich nicht einfach ausdehnen oder wegorganisieren – sie muss anders verteilt werden. Das bedeutet auch: mehr Zeitreduzierung bei Männern und Vätern.
Sorgearbeit ist schon immer Teil unserer Gesellschaft gewesen. Sie wird nur zu lange ignoriert. Es an der Zeit, sie mitzudenken – in Arbeitszeitmodellen, in politischen Entscheidungen und in wirtschaftlichen Erwartungen. Und nein: Das gefährdet unseren Wohlstand nicht. Produktivität entsteht nicht durch immer längere Arbeitszeiten, sondern durch gute, faire und realistische Rahmenbedingungen.
Diese Debatte beginnt bei uns allen. Sie betrifft nicht nur Frauen.
Echte Gleichstellung entsteht nicht dadurch, dass Frauen noch mehr leisten, noch mehr organisieren und noch mehr kompensieren. Sie entsteht auch nicht allein dadurch, dass Frauen ihre Arbeitszeit erhöhen, während sich an der Verteilung von Verantwortung nichts ändert.
Gleichstellung entsteht erst dann, wenn Verantwortung wirklich geteilt wird. Wenn Sorgearbeit nicht länger als private Aufgabe von Frauen gilt, sondern als das, was sie ist: gesellschaftlich notwendige Arbeit. Wenn Männer nicht nur „mithelfen“, sondern selbstverständlich zuständig sind – nicht gelegentlich, nicht am Wochenende, sondern dauerhaft, verlässlich und strukturell. Wenn Zeit für Sorgearbeit genauso ernst genommen wird wie Zeit für Erwerbsarbeit. Und wenn Arbeitszeitmodelle endlich das abbilden, was das Leben tatsächlich verlangt.
Doch genau hier wird es politisch ernst. Denn solange staatliche Regeln einseitige Erwerbsmodelle belohnen, bleibt jede Debatte über Verantwortung unvollständig. Und damit sind wir beim Bremsklotz der Debatte: dem Ehegattensplitting. Kein anderes Instrument zementiert die Teilzeitfalle so wirksam. Solange wir ein System aufrechterhalten, das Ungleichheit festschreibt und Abhängigkeiten stabilisiert, wird sich an der Schieflage nichts wandeln. Ziel muss die eigene ökonomische Unabhängigkeit sein – unabhängig vom Ehestatus.
Deshalb ist klar: Wer Wahlfreiheit, wer Gleichstellung will, wer will, dass Frauen tatsächlich entscheiden können, ob und wie viel sie arbeiten, muss Verantwortung neu verteilen. Und muss endlich die politischen Anreize beenden, die das bis heute verhindern.
Denn Frauen – ja sie sind in der Realität meist die Zweitverdienenden – werden steuerlich dazu gedrängt, weniger zu arbeiten.
Liebe CDU und CSU – diese Parallelität ist widersprüchlich. Und es ist politisch nicht länger zu rechtfertigen. Solange das Ehegattensplitting besteht, solange eine Einverdienstehe staatlich subventioniert wird, ist jede Forderung nach mehr Vollzeit von Müttern unglaubwürdig.
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